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madrigaldaktyloskopie

chanson,
drei
und noch mal
drei instrumentale madrigale
und
ein palimpsest
für bassklarinette und 8st. gemischten chor (2015)

unter Verwendung des Chanson „Se la face ay pale“ und des Sanctus aus der gleichnamigen Messe von Guillaume Dufay sowie von Gedichten von Albert Ostermaier, Hanns Cibulka und Hilde Domin

Dauer: ca. 28 min
UA: 16. 8. 2015, Kultur- und Wegekirche Landow (Rügen)
Bessiner Kammerchor
Georg Wettin, Bassklarinette
Friedemann Stolte, Leitung

Notenbeispiele aus der madrigaldaktyloskopie gibt es hier

zum reinhören:
live-mitschnitt bad orb 4. september 2016

3. madrigal II

5. sanctus_palimpsest – ende (V. sanctus II)

Teil des Programms entrückt – hymnen und madrigale mit dem Bessiner Kammerchor

aus dem Programmheft des Bessiner Kammerchores

Die Grundidee der madrigaldaktyloskopie von Friedemann Stolte (geb. 1966) liegt in einer Arbeitsweise, die die Vielschichtigkeit unseres Lebens erfahrbar machen will. Was uns als Realität erscheint, ist nur durch Filter wahrnehmbar und daher sehr fragil.

Die Daktyloskopie, Begriff für die kriminaltechnische Nutzung des Fingerabdrucks und gleichzeitig Verweis auf das Versmaß des daktylos, steht für den Vorgang des „Abdruck nehmens“. Die Annäherung an die Erscheinungsformen unserer Welt vermag nur Teile zu erfassen und muss daher brüchig bleiben, kann aber doch Unverwechselbares finden. So ertasten die drei instrumentalen Madrigale für die Bassklarinette einen Text, der vorerst nicht zu hören ist. Diese drei Stücke werden erneut zu einer Vorlage für den instrumentalen Abdruck eines Textes, der nun zum Part des Chores gehört.

Dieser Text besteht aus drei zeitgenössischen Liebesgedichten, die einem fünfteiligen Sanctus einer Messe von Guillaume Dufay (1400 – 1474) als neue Textschicht eingepflanzt sind – und das nicht ohne Grund. Die Messe hatte ihrerseits eine Vorlage in einem Liebeslied, einer französischen Chanson des 14. Jh.. Diese Technik der „Parodiemesse“ war in jener Zeit sehr beliebt, Der in der Kirche unerlaubte Text war durch die Verwendung des bekannten Melodiematerials stets präsent und wurde daher von der Kirche immer wieder und ohne Erfolg verboten – eine schöne historische Korrespondenz zu unserer Thematik der oszillierenden Formen.

In der Konsequenz aus den verschiedenen Schichten dieses Stücks hat sich der Komponist für die Verwendung einer entsprechenden Technik entschieden: das Palimpsest. Dieser Begriff aus der Antike meint das Abschaben von Manuskriptseiten, um sie wiederbeschreiben zu können. Seit dem 19. Jh. wird er als Metapher für geistige und kreative Prozesse benutzt: es bleiben immer Spuren der alten Schichten übrig, die sich in den neuen fortsetzen.
© bessiner kammerchor