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über kurz oder lang - ZEITMUSIK

Programm des Bessiner Kammerchores (2011/2012)

über kurz oder lang – ZEITMUSIK

Bessiner Kammerchor
Franziska de Jong – Flöte, Baßflöte
Georg Wieland Wagner – Marimba

über kurz oder lang ist ein Programm über kürzeste Momente und himmlische Zeitlosigkeit, zwischen denen sich unsere Wahrnehmung von Zeit spannt. Dabei können kürzeste Augenblicke zu Ewigkeiten werden, subjektiv grenzenlos erlebte Zeit kann objektiv gemessen eine kurze Dauer haben. Das Nachdenken über die Zeit knüpfte geschichtlich ihren Wert weniger an die Dauer als an Erfahrungen von Dichte und Erfüllung, von Intensität und Sinnhaftigkeit und das Bewußtsein ihrer Endlichkeit im einzelnen Leben.

In unserem Konzertprogramm stehen sehr unterschiedliche Zeitvorstellungen der Kulturgeschichte dicht neben einander, vom heilsversprechenden Denken unserer christlich-abendländischen Tradition über die stärker Raum und Zeit verbindenden Wahrnehmungen der griechischen Überlieferung bis zum zyklisch orientierten Denken des Fernen Ostens. Im Kern geht es immer wieder um das Leben, das wir mit unserer Lebenszeit geschenkt bekommen, um seine Erfüllung und seine Vergänglichkeit.


Grafik und Gestaltung: © Mathias Lindner

Der erste Teil der Kantate GOTTES ZEIT IST DIE ALLERBESTE ZEIT von J. S. Bach erhält seine Spannung aus den wechselnden Zeitmaßen. Sie münden in ein unausweichliches Gehen: „Mensch, du mußt sterben …“ Der sich darüber entfaltenden Chorfuge setzt das Sopransolo die Erwartung der Zeitenwende entgegen: „Ja, komm, Herr Jesu!“ Eine weitere Ebene fügen die Flöten hinzu, indem sie eine choralartige Melodie unter Verwendung von Fragmenten eines Kirchenliedes intonieren: „Warum betrübst du dich, mein Herz, / bekümmerst dich und trägest Schmerz / nur um das zeitlich Gut? / … „

MAYUMAN, ein Wort aus der Quechua–Sprache, bedeutet soviel wie „zum Fluß hin“. Die geichnamige Komposition bezeichnet Georg Wieland Wagner als einen Gesang aus der Welt der ungemessenen Zeit. Sie entstand während einer seiner Reisen in entlegene Gebiete Perus. Mittels eines „unendlichen Gesanges“ über wiederkehrende Akkordfolgen erscheint die Erinnerung an den Moment zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang.

In Monteverdis Madrigalzyklus LAMENTO D’ARIANNA hören wir eine Musik gewordene Klage. Die von Theseus auf einer einsamen Insel zurück gelassene Ariadne beklagt ihr Schicksal. In genialer Weise entfaltet Monteverdi das emotionale Spektrum von Trauer, Verzweiflung und gebrochenem Lebenswillen bis zu Anklage, Zorn und Rachegefühlen. Hier geht es um die Zeit eines gemeinsamen Lebens, das durch die Flucht verraten, entwertet und unmöglich geworden ist.

Die Vertonungen von Haikus in den GINSTERBLÜTEN Friedemann Stoltes sind analog zur dichterischen Struktur musikalische Momentaufnahmen, Bilder, Impulse, Anstöße. So wie ein Haiku 17 Silben hat (5+7+5), so ergeben die 17 kurzen Stücke dieses Zyklus ein „musikalisches Haiku“. Das zyklische Moment findet sich auf vielen Ebenen wieder. Haikus haben immer einen jahreszeitlichen Bezug, und die der „ginsterblüten“ umspannen den Lauf eines Jahres. So schließt sich vom ersten zum letzten Stück ein Kreis, ohne daß das letzte einfach nur eine Wiederholung des ersten Stückes ist. Außerdem liegt dem Zyklus eine Reihe zugrunde, die zwar gleich bleibt, aber durch die Verschiebung des Starttons durch die Stücke hindurch zirkuliert.

Am Ende steht das sechsstimmige MEDIA VITA, eine Antiphon zum „Nunc dimittis“ des Nachtgebets, in der Vertonung des englischen Renaissance-Komponisten John Sheppard. Während der Text, der aus dem 8. Jahrhundert stammt und uns durch Luthers freie Übertragung „Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen“ geläufig ist, eindringlich von irdischen Ängsten und Nöten spricht, führt uns Sheppards Musik in himmlische Klangregionen in einem nicht enden wollenden, paradiesischen Strömen.